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Stipendiat 2025

Die Jury des Kunstateliers hat das Stipendium der Stadt Dübendorf für die Zeit vom 1. Mai bis 31. Oktober 2025 dem Künstler Marcel Meury vergeben.

Im Jahr 2025 hat sich die Fachjury entschieden, das Atelier dem Schweizer Künstler Marcel Meury zur Verfügung zu stellen. Er begab sich während des Stipendiats auf biografische Spurensuche in Dübendorf und tauschte sich dazu mit der Bevölkerung aus. Die autosoziobiografischen Erzählungen und Begegnungen wird er audiovisuell verarbeiten und in Form eines Videoskripts veröffentlichen. 

Informationen zum Künstler finden Sie hier: www.marcelmeury.com

Marcel Meury:

Aller-retour nach Dübi

Es ist einfacher, Abstand zu halten. Ich theoretisiere über Gefühle, um sie nicht begreifen zu müssen. Ich scrolle durch Apps, um nichts fühlen zu müssen. Ich zitiere den Kanon, um nicht selbst sprechen zu müssen. Ich blicke aus der Ferne nach Dübendorf, um nicht selbst dort sein zu müssen. Verdrängen ist einfacher.

Ich spreche über meine Herkunftsfamilie und den Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Es ist eine Erzählung über Schweigen, Scham und Verletzlichkeit. In meiner Herkunftsfamilie gab es wenige Erzählungen. Eine von Armut betroffene Person schreibt in der Regel keine Autobiografien. Lautlos und still gehen sie. Historisch betrachtet spricht nicht die Armut über sich selbst, sondern der Staat über die Armen. Wer wenig hat, wird auch wenig erinnert. Wer prekär lebt, lebt oft auch prekär in der Geschichte.

Die Stadt Dübendorf hat mir für das Jahr 2025 ein Kunstatelier in einem ehemaligen Tennisclubhaus zugesprochen. Es war meine Rückkehr nach Dübendorf seit meinem 20. Lebensjahr. Eine inzwischen versöhnliche Reise in die Nähe meines Wohnorts aus Kindertagen. Erinnern ist körperlich, und ich fragte mich: Wie reagiert mein Körper darauf? Was macht das mit mir? Wie berührt es mich? Ein halbes Jahr verbrachte ich intensiv neben den zwei grünbedeckten Tennisplätzen. Dort, vor über 20 Jahren, wurden Sandspiele ausgetragen. In meiner Recherche führte ich Gespräche mit Dübendorferinnen und Dübendorfern, ehemaligen Schulfreundinnen und Schulfreunden, Anwohnerinnen und Anwohnern. Wir erinnerten uns an die vielen Biografien, an Wünsche, an Erfolge, ans Scheitern. Wir alle wollten nach den Sternen greifen, die Welt erkunden und ein schönes Leben führen. Diese zeitverrückten Begegnungen waren anspruchsvolle emotionale und energetische Erfahrungen. Wir bewegten uns in der Vergangenheit, um die Gegenwart zu verstehen, um zu verstehen, welche zukünftigen Wünsche und Erwartungen wir noch nicht verwirklicht haben. Es war ein Durchfühlen von Erlebtem und Gelebtem. Geschichten erzählen, Geschichten erinnern ist körperlich.

Wir alle haben Vorfahren. Sie tun ihr Bestes, aber manchmal reicht das nicht aus. Sind ihre erlernten Prägungen zu stark und die Alltagsbedingungen zu prekär, geben sie diese unbewusst an ihre Nachkommen weiter. So reinszenieren wir unser eigenes Beziehungsmuster bis ins Erwachsenenalter. Obwohl ich während meiner Kindheit nicht wusste, was falsch war – ich kannte ja nichts anderes –, stellte sich ein Gefühl ein: Ich wollte anders sein! Ich wollte meine Herkunft und meine Familie verlassen, nach den Sternen greifen und jemand anderes werden. Ich wollte meine Herkunft und meine Familie verraten, indem ich ihre Lebensweise ablehnte und die Flucht ergriff. Dabei sehnte ich mich nach Gemeinschaft, nach Familie, nach Zugehörigkeit. Lange Zeit dachte ich, dass ich genauso arm und einsam leben würde wie meine Vorfahren, genauso zurückgezogen, krank und betrunken. Ich hatte Angst vor meinem eigenen sozialen Absturz. Dem wollte ich entfliehen – bis heute.

Es ist ein weiter Weg aus der Sprachlosigkeit hinaus. Wer nicht erzählt und sich nicht erinnert, wird verschwinden. Als Gemeinschaft tragen wir die Verantwortung, uns der ungleichen Startbedingungen ins Leben bewusst zu sein – gerade auch in der Schweiz. Mir geht es nicht nur darum, individuelle Lebensläufe zu erzählen, sondern auch darum, zu verstehen, wie diese durch soziale Normen, generationenübergreifende Prägungen und historische Bedingungen geprägt wurden. Dort, wo sich Privates mit Strukturellem verbindet und uns alle betrifft. Denn egal, ob wir reich oder arm, gross oder klein, erfolgreich oder nicht sind – wir sind alle Nachkommen und dieses Erbe können wir nicht ausschlagen.

In Liebe an alle Vorfahren und die Stadt Dübendorf.